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Der Bamberger Dom und seine Besucher

Stimmen aus drei Jahrhunderten

Kaum ein prominenter Bambergreisender hat die Mühe gescheut, zum Dom hinaufzupilgern: Bergengruen und Böll, Gogol und Herder. Manche begnügen sich mit knappen Tagebucheinträgen wie Shaw, andere hingegen, Wackenroder, Immermann, Hausenstein, Heuss, berichten ausführlich und engagiert. Aus der Fülle der Reisebeschreibungen soll im folgenden eine kleine Auswahl geboten werden, eine Auswahl, die zeigt, wie sich das Interesse der Fremden im Laufe der Zeit wandelte. Überlassen wir die früheren Jahrhunderte den Spezialisten und beginnen wir mit dem achtzehnten. 1705 findet sich der Franzose J. de Blainville in Bamberg ein. Er nimmt sich für die "Domkirche" einen ganzen Tag Zeit. "Sie ist ein gewaltig großes gotisches Gebäude, von einer sehr kühnen Bauart." Wie andere nach ihm, moniert er das "ziemlich dunkle" Kirchenschiff. Ausgiebig beschäftigt er sich mit dem Domschatz. An einem Tragaltar, der aus "purem Golde" sein soll, kratzt er mit dem Federmesser so lange herum, bis das "blanke" Holz zum Vorschein kommt - sehr zum Leidwesen der Aufseher.
1735 ist die Markgräfin Wilhelmine aus dem benachbarten Bayreuth Gast beim Fürstbischof. Sie hat üble Laune und lässt das Protokoll nur widerwillig über sich ergehen. Sarkastisch bemerkt sie bei der Besichtigung der Reliquien, dass die Zähne der Kaiserin "durch ihre Länge an Wildschweinhauer" erinnerten. Schlimmes hätten wir wohl auch von dem Aufklärer Friedrich Nicolai 1781 befürchten müssen, doch er sieht das "Domstift" nur von außen, kann sich aber nicht die Bemerkung verkneifen, dass neben vielen "anderen" Dingen auch die "Gurgel des Ritters St. Georg in natura" nebst dem Finger der heiligen Gertraud ausgestellt seien.
Obwohl der Dom, von der Mittagszeit abgesehen, den ganzen Tag offen steht, gibt es doch immer wieder Probleme bei der Besichtigung von Domschatz und Bibliothek. Der Münchener Theologe und Historiker Klement Alois Baader sieht zwar den "kostbaren" Kirchenschatz, in die Dombibliothek wird er jedoch nicht eingelassen. Für den Weitgereisten nichts Neues, kennt er doch mehrere derartige Büchersammlungen, "in denen nur die Mäuse und Motten im ausschließenden Besitzstande und im ungestörten Rechte sind, nach Belieben an den Manuskripten zu schalten, zu walten und zu nagen".
Einer der prominentesten Besucher, der Dichter Wilhelm Heinrich Wackenroder, hält sich mehrmals in Bamberg auf. Der wichtigste Besuch fällt in den Juli 1793 (er ist dabei allerdings nicht, wie immer wieder behauptet wird, in Begleitung von Ludwig Tieck). "Das Tuhm, wie man hier sagt", enthält einen "unbeschreiblichen Reichtum" an Gemälden, Grabmälern und Plastiken. Auch er moniert, dass die Dombibliothek, die große Raritäten enthält, zum Ärger der Bamberger wie der Fremden "nur mit großen Schwierigkeiten und nur eine sehr kurze Zeit gezeigt wird". Den Domschatz hatte man aus Furcht vor den Franzosen "in Kisten wie in ein Gefängnis eingepackt" und an einen unbekannten Ort in Sicherheit gebracht.
Um die Jahrhundertwende wurde es für einige Zeit still in Bamberg - zumindest was die Besucher angeht; den wenigsten war in den unsicheren Kriegsjahren nach Reisen zumute. Der Domschatz stand nun nicht mehr im Mittelpunkt. Die Säkularisation hatte ihn dezimiert, die wertvollsten Handschriften der Dombibliothek waren von München requiriert worden; eine Maßnahme, die nicht nur bei Einheimischen auf schärfste Kritik stieß. Der bekannte Kunstsammler Sulpiz Boisseré beispielsweise beklagt bei seinem Bamberg-Besuch 1816 die "Barbarei" der Bayern, die sie bei der Aufhebung gezeigt hätten.
Der Philosoph und Maler Carl Gustav Carus konnte 1821 noch die "feierliche Pracht" des Dominnern bewundern, doch ab 1828 ergibt sich eine völlig neue Situation. Als einer der ersten lobt 1833 der Altdorfer Seminarinspektor Christoph Friedrich Jacobi die Absicht des bayerischen Königs, den Dom in seiner ursprünglichen Einfachheit und Schönheit wiederherzustellen. Ebenso positiv äußert sich 1834 Fürst Pückler. Das Gotteshaus, kritisiert er, ist "vielfach durch moderne Anhängsel und Monumente im Innern, durch unsinniges Überweißen, Auskratzen der schönsten Malereien usw. verunstaltet worden". Die inzwischen erfolgte Restaurierung im originalen Zustand findet seinen Beifall, mit Ausnahme der bunten Fenster, die leider "nicht mehr angetroffen werden".
Differenzierter geht 1837 der Dichter Karl Immermann auf die Restaurierung, die immer noch das "Tagesinteresse" der Bamberger beansprucht, ein. Leider sei das "Epurationswerk" mit "Gewaltsamkeit vollführt" worden. Das Ergebnis: "Nüchtern und auf keine Weise mit der herkömmlichen Verfahrensweise in katholischen Kirchen vereinbar." Und er zieht ein bemerkenswertes Fazit: An dem, was "momentan und willkürlich dem Gebäude hinzugefügt worden sei", hätte man keine Schonung üben müssen. Unbestritten sei, dass "jeder der Andacht schon zum Eigentum gewordene und jeder monumentale Zusatz, namentlich alles Sepulchrale, so geschmacklos es auch gewesen sein möge, für unantastbar habe gelten müssen".
Ludwig Braunfels bringt 1847 seine Kritik auf den kurzen Nenner: "Geschichte wegtilgen, das ist doch wohl nicht der Beruf unserer Tage!" Ein Gutes jedoch hat die "Heilung der Domgebrechen" durch Stilverbesserung mit sich gebracht: der Besucher kann sich nun auf das Wesentliche konzentrieren, z. B. auf die berühmten Figuren. Dabei war es lange Zeit nicht der Reiter, der im Mittelpunkt stand, sondern das Riemenschneidergrab. Kaiser Heinrich "hat ein feines fränkisches Gesicht und sie ist auch nicht zu verachten gewesen", schreibt Johann Gottfried Herder 1788 recht salopp an seine Frau. Die dargestellten Szenen des Grabmals werden meist detailliert erklärt, auf Biographie und Legende der Heiligen wird ausführlich eingegangen. Der bereits genannte Blainville z. B. weiß zu berichten, dass sich der Kaiser "aller Weibspersonen und sogar seiner Gemahlin völlig enthalten, und dass er sie kurz vor seinem Tode ihren Anverwandten mit diesen Worten (empfahl): Ich gebe Euch eine Jungfer zurück, so wie ich sie von euch empfangen." Doch dem mag der Franzose nicht zustimmen, außer Kunigunde wäre ein Mannweib gewesen, mit einem "Barte und einer haarigen flachen Brust, wie die Königin Christina von Schweden".
Der Reiter taucht 1725 erstmals in einem Reisebericht auf, aber es dauert noch annähernd zwei Jahrhunderte, bis er seine heutige zentrale Stellung einnimmt. Es sind nicht nur Reisende, die sich seiner "annehmen", sondern vor allem Kunsthistoriker, im Dritten Reich die Ideologen und schließlich die Dichter: Stefan George, Reinhold Schneider, Heinrich Böll, nicht zuletzt Günter Grass ("Ungehaltene Reden vor dem Deutschen Bundestag" 1985 und "Die Rättin" 1986). Apropos Dichter. Sie gehen nicht nur in der Interpretation des Reiters eigene Wege. Sie erinnern uns auch daran, dass der Dom kein Museum, sondern ein Gotteshaus ist. Mag Wackenroder auch von der Pracht der Kunstschätze fasziniert sein, diese Eindrücke treten zurück hinter Empfindungen und Gefühle, die ihn während eines Gottesdienstes überwältigen: "Ich fiel mit aufs Knie ..., da eine ganze Welt um mich herum niedersank, und mich alles zur höchsten Andacht stimmte."
(Hans Baier In: St.-Heinrichsblatt. 94 (1987), Nr. 28 (12. Juli 1987).


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