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Eulenspiegel als Zechpreller

Wie ein "Landstreicher am Honoratiorenstammtisch" schmuggelt sich der Held in die lange Reihe illustrer Symbolfiguren der Weltliteratur. Mit deftigen Späßen narrt er als Zechpreller, Bauernfänger und Beutelschneider seine "Kundschaft" in deutschen Landen. Ob er wirklich 1350 in Mölln (bei Lübeck) gestorben ist, oder ob unter seinem Namen Wandergut zusammengefaßt wurde, bleibt letztlich ein Rätsel der Literaturgeschichte.
Die älteste bekannte Ausgabe des Volksbuchs wurde 1515 in Straßburg gedruckt. Die "33. Histori sagt, wie Ulenspiegel zu Bumberg(!) umb Gelt aß". In den kommenden Jahrhunderten wurde der "Eulenspiegel" in erheblich umgearbeiteten Volksausgaben erneut gedruckt. Z. B. wird die 33. Geschichte in der sog. Jahrmarktsausgabe (1863) von Bamberg nach Erlangen verlegt. Dichterisch gestaltet haben den Stoff u. a. Hans Sachs, Klabund, Gerhart Hauptmann, Christa Wolf. Die schönste Nachdichtung verdanken wir Charles de Coster ("Ulenspiegel und Lamme Goedzak", 1867, verschiedene deutsche Übers., u.a. 1985). Eulenspiegel wird zwar zum Freiheitshelden Flanderns, aber es finden sich doch zahlreiche Motive aus dem Volksbuch u. a. der Bamberger Schwank: "Gekleidet in seine Pilgertracht und losgesprochen von seinen Sünden, verließ Ulenspiegel Rom; er zog seine Straße fürbass und kam nach Bamberg, wo es das beste Gemüse der Welt gibt." Hungrig, aber ohne Geld, kehrt er ein. Listig schmeichelt er der Wirtin: "Ich werde Euch liebkosen, küssen, umarmen mit einer solchen Glut der Dankbarkeit, daß nicht siebenundzwanzig Liebhaber, alle miteinander, den gleichen Anforderungen genügen könnten." Vor solchem Charme kapituliert die Wirtin, erläßt ihrem sonderbaren Gast die Zeche und schenkt ihm einen Gulden noch obendrein.
(Hans Baier)


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