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Theodor und Heuss und Franken

Rückertlieder und -verse haben die Jugend von Theodor Heuss begleitet, waren ihm Vorbild und Anregung, wie er verschiedentlich in seinen Erinnerungen berichtet. Auch die Tatsache, dass seine Frau, Elly Heuss-Knapp, 1948 eine Gedichtauswahl herausbringt, ist nicht nur als Nachlese zum Rückertjahr interessant, sondern auch als Mosaiksteinchen im vielfältigen Beziehungsgeflecht zu fränkischen Städten und Persönlichkeiten.
Fast jeden bedeutenden Ort hat Heuss im Lauf seines Lebens mindestens einmal besucht. Dinkelsbühl, Rothenburg, Eichstätt und Bamberg (1917) haben darüber hinaus Eingang in die Essay-Sammlung "Von Ort zu Ort" gefunden. Aber auch fränkisches Wesen hat er in Wort und Schrift treffend charakterisiert: "... unmöglich, sich Goethe als Niedersachsen oder als Bajuwaren vorzustellen."
Die wichtigste Begegnung auf fränkischem Boden fand 1917 in Lauenstein statt. Der Verleger Eugen Diederichs hatte so gegensätzliche Geister wie Max Weber und Ernst Toller eingeladen. In allen Biographien werden jene "äußerst gefüllten Tage geistigen Austausches und Kampfes" als Markstein auf einem sich immer deutlicher abzeichnenden politischen Weg gewürdigt. Noch ein halbes Jahrhundert später erinnert sich Heuss an die bewegte Zeit auf der "malerisch-reizvollen Burg".
Eine "Nicht-Beziehung" soll wenigstens gestreift werden. Als Heuss 1959 die Luisenburg-Festspiele besuchte, kam es zum Eklat mit der Bayreuther Obrigkeit. Die fand es brüskierend, dass der Bundespräsident alle Einladungen ablehne, ja "Witze machend" an der Stadt vorbeifahre. Heuss verteidigte sich mit feiner Ironie: Ihm fehle vom Musikalischen her der Zugang. Von Nietzsches Streitschriften gegen den "Heilsbringer" beeinflusst, habe er schon in der Jugend Freunde mit seiner "Anti-Bayreuth"-Haltung verärgert. Ein "sehr frühes Unbehagen" verstärkte sich durch die Liaison der Familie Wagner mit dem Nationalsozialismus zu einer Zeit, als er selbst seine politischen Ämter aufgeben musste und in die "innere Emigration" gezwungen wurde.
Allzu gerne schüttelte er das Joch des Zeremoniells ab, wie in Sommerhausen 1955, wo er das "entzückende Drum und Dran" des Torturmtheaters sichtlich genießt: "Bocksbeutel-Consumieren mit dem Malipiero ... Bohemestimmung mit leichtem Biedermeierakzent", notierte er seinem Tagebuch.
Doch nicht nur Städte und Landschaften, die er seit Jugendtagen durchstreifte, sind ihm in Erinnerung geblieben, zwei fränkische Persönlichkeiten haben seinen Lebensweg auf entscheidenden Etappen begleitet. Da ist einmal Lujo Brentano aus Aschaffenburg, der Neffe von Bettina und Clemens Brentano, der zur "Mitte" seiner "Studienzeit in München wird. Exzellente Rhetorik und liberale Geisteshaltung haben den jungen Heuss "aufs stärkste" beeindruckt.
Dann Thomas Dehler: "Schönste Erinnerungen, wenn wir mit ihm durch die Straßen alter Städte gingen, ... auf die Nürnberger Burg und den Bamberger Domplatz ... In Kronach haben wir 1921 eine ganze Woche lang über Probleme der Zeit debattiert .. Er übertraf uns dann aber alle an Ausdauer im Tanze auf einer echten fränkischen Kirchweih im Nachbardorf."
Die Politik führte sie nach dem II. Weltkrieg wieder zusammen: Heuss als Bundespräsident, Dehler als Bundesjustizminister und Vorsitzender der FDP. Zahlreiche Briefe gingen in dieser Zeit von Bonn an die Heimatadresse Dehlers: Bamberg, Wilhelmspl. 1. Das Verhältnis blieb nicht ungetrübt. Heuss war mit den temperamentvollen "unbeherrschten Eskapaden" des "enfant terrible" Dehler nicht einverstanden und lastete ihm die Misserfolge der FDP an ("Mit Dehler geht der Verein noch kaputt").
Er machte seinem Groll im Tagebuch Luft: "Schwätzer", "politischer Musikant ohne Gehör", "Parsifal als Amokläufer". Heuss beließ es leider nicht bei den Verbalinjurien. Er legte die gebotene parteipolitische Zurückhaltung seines Amtes ab und verbaute durch sein Veto Dehler den Ministerposten bei der zweiten Regierungsbildung.
Dehler hat nicht mit gleicher Münze heimgezahlt, obwohl er um die moralische Fragwürdigkeit dieser Entscheidung des Bundespräsidenten wusste. In der berühmten Gedenkrede von 1964 zog er eine Bilanz ohne Ressentiments: "Sein Leben hat in jedem Augenblick der vaterländischen Pflicht gegolten ..."
(Hans Baier Fränkischer Tag: Fränkischer Sonntag)


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