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Immermann "Fränkische Reise"

"Franken ist wie ein Zauberschrank; immer neue Schubfächer tun sich auf und zeigen bunte, glänzende Kleinodien, und das hat kein Ende. Wer Deutschlands geheimste jungfräulichste Reize genießen will, muss nach Franken reisen.
Kaum eine andere deutsche Landschaft ist vom ausgehenden 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts so sehr das Reiseziel bedeutender Persönlichkeiten wie Franken. Kritische, aufgeklärte Geister finden sich ebenso ein wie Geistliche und Beamte, Historiker und Dichter. Suchen die einen nach verborgenen Kostbarkeiten in Museen und Sammlungen, spüren die anderen ungehobenen Schätzen in Höhlen und Bergwerken nach. Nüchterne historische Topographie wechselt mit farbigen Landschaftsschilderungen von hohem literarischem Niveau. Manche bleiben nur wenige Tage und notieren ihre Eindrücke mit flinker Feder wie Brentano, Geibel, Goethe, Hebbel, Herder, Hölderlin, Kleist, Mörike, Richter .. ., andere auch hier sollen nur die wichtigsten genannt werden, - überraschen uns mit kenntnisreichen und detaillierten Berichten: Arndt, Baader, Füssel, Gercken, Heeringen, Koeppel, Martius, Nicolai, Pückler-Muskau, Röder, Tieck, Wackenroder, Weber und Will.
Zu den bekanntesten Besuchern gehört Karl Immermann (1796-1840), der im Herbst 1837 einen Wunsch seines Vaters aus Studientagen erfüllt und eine längere Reise durch Franken und Thüringen unternimmt. Frankfurt ist der Ausgangspunkt, weitere Stationen sind Aschaffenburg und Würzburg. In Bamberg lässt sich Immermann zu einem Abstecher in die Fränkische Schweiz überreden. Bayreuth und das Fichtelgebirge werden besucht, in Jena und Weimar endet schließlich die Fahrt. Auf Nürnberg "mit all seinen altdeutschen Wundern" muss der Dichter notgedrungen verzichten.
Ziel- und Rastpunkte sind die größeren Städte, doch Immermann gesteht, dass er "Natur und Menschen" sehen wolle. Kunst habe er in Düsseldorf genug. Die "göttliche" Landschaft um Aschaffenburg fasziniert ihn mehr als die "Pracht und Opulenz" des im Messetrubel ertrinkenden Frankfurt. Aber nicht das Schöne "im Sinne der Touristen" sucht er, sondern das "eigentümlich" Charakteristische; und das ist für ihn wirkliche Schönheit.
Immermanns "Programm" ist durchaus mit dem der Romantiker zu vergleichen, die "Merkwürdigkeiten" der Natur kennen zulernen. Seinen von Tieck beeinflussten Naturschilderungen fehlen jedoch romantische Ergriffenheit und Gefühlstiefe. Manche Stellen erinnern in ihrer klaren und einfachen Diktion bereits an Stifter, z.B. die Beschreibung des Ochsenkopfes: "Die Kuppe ist ein gigantisch aufgetürmtes Granitgestein. Rund umher schien der Gipfel zu brennen in rotem und gelbem Feuer ... Dann glitt der Blich hinunter an der dunkeln Tannennacht der Abhänge und dem weißen Geripp der Granitlager, und jenseits stand in weitem, weitem Umkreise das ganze dunkelblaue Fichtelgebirg mit all seinen Gipfeln ..."
Den Mittelpunkt der Reiseschilderung bildet denn auch die "so genannte" Fränkische Schweiz. "Das Gebirge reizt mich sehr. Es ist so ganz deutsch", schreibt er unterm 26. September. Er besucht aber nicht nur die berühmten Höhlen (in einer hätte ihm seine Leibesfülle bald einen Streich gespielt), er macht sich auch Gedanken über Geologie und Geschichte dieser Landschaft. Dabei kopiert er manches Klischee, etwa wenn er feststellt, dass die "etwas breiten Formen" der Frauen und die freundliche Servilität der Männer von der "wendischen Abstammung" herrühre: ein Vorurteil, das bis herauf zu Bergengruens "Am Himmel wie auf Erden" in der deutschen Literatur mitgeschleppt wird. Auch die Bemerkung, er habe die "Verehrung" für Preußen in Franken "sehr groß" gefunden, wird man doch wohl auf die ehemaligen markgräflichen Gebiete beschränken müssen.
Immermann bietet keine erschöpfende fränkische "Topographie", obwohl er auf manche Sehenswürdigkeiten z. T. ausführlich eingeht und Land und Leute mit ihren Sagen und Gebräuchen lebendig vorstellt (hier gibt es zahlreiche Parallelen zu den "Wanderungen durch Franken" von Gustav von Heeringen 1838). Vieles hat nur lokalhistorische Bedeutung, manches aber wird zum Mosaikstein in Immermanns Leben und Werk. "Ich möchte gern Franken auch von Seiten der Menschen kennen lernen", schreibt er an den Literaturhistoriker Oskar Ludwig Bernhard Wolff noch vor Antritt seiner Reise am 12. September. Gutzkow trifft er zwar in Frankfurt nicht an, dafür wird er anderwärts reich entschädigt. In Bamberg zeigen ihm der Kunstsammler Heller und der Bibliothekar Jäck ihre Schätze, in Bayreuth fährt er zusammen mit Regierungsrat Krafft und Oberbaurat Schlichtegroll zur Eremitage.
Manche Spuren führen in die Vergangenheit. Der Spessart weckt literarische Reminiszenzen an den "Götz von Berlichingen", die "geheimen Keller" der Fränkischen Schweiz vergleicht er mit der "Werkstatt der Mütter" in Faust II; Erinnerungen an Jean Paul werden in Bayreuth und Wunsiedel in ihm wach. Kurz und treffend skizziert er die kulturelle Bedeutung Bambergs im 19. Jahrhundert, angefangen von Hegel bis Wetzel und E. T. A. Hoffmann. Nicht minder interessant sind die Passagen, wo er soziale Zustände schildert. Er besichtigt nicht nur vorbildliche Einrichtungen wie das Juliusspital in Würzburg, sondern er macht auch auf die "Verarmung" in manchen Landstrichen aufmerksam und kritisiert das schwere Los der Perlenfischer im Fichtelgebirge ebenso wie die harten Arbeitsbedingungen der Bergleute in Goldkronach. Damit steht er übrigens im Gegensatz zu den meisten Frankenreisenden unseres Jahrhunderts, die sich weitgehend darin erschöpfen, wohlformulierte Lobsprüche auf die Landschaft auszubringen und "hohe alte" Kunst abzukonterfeien.
Wertung und Interpretation der "Fränkischen" Reise müssen im Kontext der übrigen zeitgenössischen Reisebeschreibungen - vor allem im Vergleich mit dem "berühmtesten und berüchtigsten" Reisenden jener Zeit Fürst Pückler-Muskau - gesehen werden. Die "Briefe eines Verstorbenen" (1830-31) hatten dem Fürsten "göttliche Ehren" eingebracht: selbst Goethe und Heine gehörten zu den Bewunderern.
Immermann hingegen urteilt über das Buch zurückhaltend, ja ablehnend: "Ich stehe mit demselben auf dem Weltfuße, d.h. es wird nie mein Freund, und ich nehme mir nur heraus, was mir zusagt." In einem Brief an seinen Bruder nennt er den Fürsten einen "Gecken". Auch der "Vorletzte Weltgang von Semilasso" (1835) - mit dem umfangreichen fränkischen Reisejournal - wird nicht freundlicher aufgenommen. Es ist "gar zu korkartig leicht", stellt Immermann lapidar fest. Doch bei dieser Kritik bleibt es nicht. In seinen "Epigonen" zeichnet der Dichter ein wenig schmeichelhaftes Porträt Pückler-Muskaus und im "Münchhausen" belässt er es nicht bei der Karikatur des "kauderwelschenden" Semilasso, sondern er verleiht dem "Lügenbaron" unverkennbare Züge des erfolgreicheren Schriftstellerkonkurrenten.
Ein intensiver Vergleich der beiden fränkischen Reiseberichte würde zahlreiche Parallelen, aber auch gravierende Unterschiede, würde Vorzüge und Schwächen in beiden Texten ans Tageslicht bringen. Die Reiseroute unterscheidet sich z.B. nur geringfügig, doch Pückler-Muskau hat sich wesentlich länger in Franken aufgehalten: sein Bericht gerät fast doppelt so umfangreich. Dabei findet sich manches, das im Gegensatz zu dem sachlicheren und toleranteren Immermann mit allzu leichter Hand hingeschrieben ist, wenn er beispielsweise eine Wallfahrt als "betende und singende Bauernkarawane" verspottet. Hier und an anderen Stellen kommt er sehr in die Nähe des "lachenden Philosophen" Carl Julius Weber (1826), der kaum in Franken sich schon über das Eichstätter Walburgisöl lustig macht, noch ganz im Geiste des "aufgeklärten" Nicolai.
Für die unterschiedliche Art, Erlebnisse literarisch zu "verarbeiten" nur ein einziges Beispiel, der Besuch in der Pommersfeldener Gemäldegalerie des Grafen Schönborn. Während Immermann seine offensichtliche Unzufriedenheit ("ein dummer, langweiliger Tag") an der Hausverwalterin auslässt und ihr unverblümt den Satan an den Hals wünscht, gibt es Pückler-Muskau seinem adeligen Standesgenossen auf elegantere Art heraus, indem er auf ein Phänomen aufmerksam macht, das auch dem Kunstkenner unserer Tage nicht fremd ist: "Mit Künstlernamen ist man freigebig umgegangen ... und es geht damit wie mit den feinen Weinen, von denen fünfzigmal mehr getrunken wird, als gewachsen ist."
Immermann hat die an seine Freundin Elisa von Ahlefeldt gerichteten Reisebriefe ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen, wohl unter dem Eindruck des Pückler-Muskauschen Erfolgs, den er mit gleichen Stilmitteln nicht erreichen wollte. Der Verleger der Immermannschen Werke Campe mochte nach dem Tod des Dichters nicht die gleichen Überlegungen anstellen. Er nahm die Briefe in einem bearbeiteten Auszug unter dem Titel "Fränkische Reise" als Fortsetzung der "Memorabilien" auf. Leider ist der Text nicht mehr in allen späteren Editionen enthalten. Die zeitkritischen und autobiographischen Schriften Immermanns gewinnen jedoch heute unter veränderter Zielsetzung der germanistischen Forschung immer mehr an Gewicht, während Lyrik und Dramatik weitgehend als "epigonenhaft" eingestuft dem literarhistorischen Spezialisten vorbehalten bleiben. Die neue Werkausgabe in fünf Bänden (1971-77) und die dreibändige Briefsammlung (1978 ff.) nehmen darauf gebührend Rücksicht. Neben dem "Münchhausen" - einem der "wenigen großen humoristisch-satirischen Romane" Deutschlands - sind es die "Memorabilien" und die Reiseberichte ("Ahr und Lahn", "Blick ins Tirol", "Reisejournal" und "Fränkische Reise"), die einen faszinierenden Einblick in die Kultur- und Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts bieten.
Der "Fränkischen Reise" wird dabei von der heutigen Forschung ein vorrangiger Platz eingeräumt. Im Gegensatz zu den früheren Immermannschen Reiseschilderungen macht nun der Widerspruch zwischen Idee und Wirklichkeit einer wahrheitsgetreuen Betrachtungsweise Platz; sie ist kein Produkt aus Phantasie und Reflexion, kein "halbpoetisches Ganze" mehr. Sie ist vielmehr ein Bericht "völlig frei von Prätention und Eitelkeit, aber unbestechlich in der Schilderung, und in dem sich immer stärker durchsetzenden Streben nach gediegener Realität und Objektivität eine wichtige Stufe auf dem Wege zu der neu empfundenen und neu bejahten Wirklichkeit der Dinge", urteilt der beste Immermannkenner Benno von Wiese (1969).
Für den Dichter hingegen gewinnt diese Reise noch eine andere Bedeutung. In jenem Herbst 1837 "konsolidiert" sich die Idee zu dem großen Münchhausenepos. Aus dem Reisebericht gehen einzelne wörtliche Wendungen in das Waldmärchen "Die Wunder im Spessart" ein. Motive aus Würzburg erfahren ihre dichterische Metamorphose im 4. Buch. Doch nicht nur im Werk, auch im Leben des Dichters stellt das Jahr 1837 eine Wende dar: die Düsseldorfer Bühne schließt, Immermann muss die Leitung niederlegen und kehrt 1838 in seinen früheren Richterberuf zurück. In der "Fränkischen Reise" glimmt noch einmal Hoffnung auf, scheint sich alles zum Guten zu wenden. "Es ist überhaupt der größte Vorteil des Reisens, dass das Schöne einmal wieder die ganz freie Seele, aus der alle Falten der Erinnerung weggeglättet sind, trifft", notiert er in Aschaffenburg, und später im Fichtelgebirge: "Mich verjüngt diese Reise ordentlich; ich habe mich lange nicht so frisch und offen gefühlt ... Ich hatte hier milde, durchsichtige Gedanken, wie die Luft, in der sie entstanden."
1840 stirbt Immermann, viel zu früh, 44-jährig. Das Resümee seines Schaffens hat er ein Jahr vor seinem Ton in unnachahmlicher Weise selbst gezogen. "Mein Leben war zerspalten, wie hätte das höchste Ergebnis des Lebens, die Dichtung, ganz und harmonisch sein können."
(Hans Baier: Immermann, Karl: Fränkische Reise Herbst 1837. Nachwort. Nachdr. Erlangen 1980. )


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